ESL Meisterschaft Frühling 2023
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Godfather und schwedischer Engel - die Geschichte der CS-Nation Brasilien

Geposted von Jerrow1337,
Das IEM Rio Major 2022 wird der Höhepunkt dieses CS:GO-Jahres. 99Damage blickt zuvor auf die bewegte Geschichte der großen Counter-Strike-Nation und Austragungstätte Brasilien. Das IEM Rio Major 2022 startet am letzten Tag im Oktober und liefert den Höhepunkt dieses CS:GO-Jahres. Denn erstmals findet das Counter-Strike-Topevent in Südamerika statt. Das Austragungsland Brasilien blickt auf eine bewegte CS:GO-Geschichte zurück und konnte sich mittlerweile dauerhaft in der internationalen Spitze etablieren. Wir blicken auf die Entwicklung eines leidenschaftlichen CS:GO-Landes, das die Szene zeitweise sogar dominierte.

FalleN und der verschlafene brasilianische CS:GO-Start



Die anfängliche E-Sport-Szene von CS:GO war vor allem durch die Dominanz europäischer Teams geprägt. Organisation wie die Ninjas in Pyjamas, Team VeryGames oder Fnatic beherrschten den Wettbewerb, stachen ihre Konkurrenten aus Übersee mit Leichtigkeit aus und räumten sämtliche Titel ab. Obwohl zu Zeiten von Counter-Strike 1.6 und Counter-Strike: Source ein haushoher Name, verschlief Brasilien den Umstieg auf den nächsten CS-Ableger Counter-Strike: Global Offensive und brauchte einige Zeit, um Fuß zu fassen.

Wer von der brasilianischen Geschichte in CS:GO erzählt, kommt um einen Namen nicht herum: Gabriel 'FalleN' Toledo de Alcântara Sguario. Heute als "Godfather" des brasilianischen CS:GO bekannt, hat der Star-AWP-Spieler einen kaum ermessbaren Anteil daran, dass sich Brasilien als starke Kraft etablieren konnte. Bereits 2005 tauchte der Name FalleN auf, damals war er gerade einmal 14 Jahren alt. Er entwickelte sich zum Gesicht der brasilianischen Szene in allen Belangen. Die CS:GO-Geschichte des südamerikanischen Landes ist direkt mit dem Aufstieg des damaligen AWP-Wunderkinds verwoben.



Zum Beginn von CS:GO im Jahr 2012 galt FalleN bereits als einer der besten CS-Spieler. Ein Jahr später begann sein Aufstieg in der jüngsten CS-Versionbegann zaghaft als Teil von playArt und später ProGaming.TD. Das Team trat jedoch überwiegend bei nationalen Events an und spielte in der internationalen Szene überhaupt keine Rolle. Erst mit dem Wechsel zu KaBuM e-Sports, das später mit ProGaming.TD zu KaBuM.TD fusioniert wurde, war der erste Schritt in Richtung internationale Szene getan.

Wie flusha die Zukunft von CS:GO-Brasilien rettete



Brasiliens Major-Geschichte in CS:GO beginnt indes erst beim ESL One Katowice 2015 LAN Qualifier. Nach aufsehenerregenden Leistungen bei den MLG X Games Aspen und der Clutch Con 2015 erhielt das Team von KaBuM.TD um FalleN, Fernando 'fer' Alvarenga, Lucas 'steel' Benedito Lopes, Caio 'zqk' Fonseca und Ricardo 'boltz' de Souza Prass eine Einladung zum besagten LAN-Qualifier, in dem das Team um die Teilnahme spielen sollte. Doch der kleinen Organisation fehlten die finanziellen Mittel für den Flug nach Polen.



Weil die Anreise zum Event auf der Kippe stand, startete das Team eine Spendenaktion. Neben 4.000 US-Dollar von der brasilianischen Community und 2.500 Dollar durch ESEA beteiligte sich auch flusha finanziell, um den Brasilianern die Reise nach Osteuropa zu ermöglichen. Der damalige Star-Rifler vom schwedischen Powerhouse Fnatic steuerte einen Teil seines Gewinns von der IOS Pantamera Challenge bei und ermöglichte es KaBuM.TD, rechtzeitig in Katowice zu erscheinen.

Der anschließende Qualifier war der Startschuss der später so erfolgreichen Major-Historie von Brasilien. Nach einem starken Auftritt sicherte sich das Team die Teilnahme an der ESL One Katowice 2015 und trat dort unter dem neuen Banner der Keyd Stars an. Zwar schied das Team im Viertelfinale gegen Virtus.pro aus, doch hatte sich das Team als ernstzunehmender Konkurrent in der internationalen Spitze etabliert und sich außerdem den Legenden-Status für das nächste Major gesichert. Auch VP-Spieler Wiktor 'TaZ' Wojtas prophezeite damals dem brasilianischen Team eine große Zukunft.



Der Erfolg bei der ESL One Katowice ebnete den Weg für eine erfolgreiche brasilianische Zukunft in CS:GO. Das erfolgreiche Lineup um FalleN nahm Luminosity Gaming unter Vertrag und zog anschließend nach Kalifornien um, wo sich neue Möglichkeiten offenbarten, um der internationalen Szene Paroli zu bieten. Der Wechsel der Organisation zog darüber hinaus Spielerwechsel nach sich. Dazu gehört das junge Talent namens Marcelo 'coldzera' David, der unter FalleNs Anleitung zu einem der besten CS:GO-Spieler aller Zeiten geformt wurde.

Nur kurze Zeit später erreichte das Team beim ESL One Cologne 2015 erneut das Viertelfinale und zeigte, dass der starke Auftritt beim Major in Katowice kein zufälliger Ausreißer war. Gleichzeitig investierte FalleN weiter in die Entwicklung neuer Talente in Brasilien. So veranstaltete er im August 2015 ein Turnier, dessen Sieger die Möglichkeit bekam, für ein Jahr nach Nordamerika zu gehen und dort unter dem Banner von Games Academy anzutreten. Não Tem Como sicherte sich den ersten Platz und sollte die künftige Talentschmiede Brasiliens werden.



FalleNs Investition sollte Früchte tragen. Nur kurz nach einem weiteren Viertelfinal-Aus bei der DreamHack Cluj-Napoca 2015 bediente sich FalleN beim brasilianischen Juniorteam von Games Academy und wählte zwei neue Spieler für Luminosity aus: Epitácio Pessoa 'TACO' de Melo Filho und Lincoln 'fnx' Lau. Das Rifler-Duo stieß Ende November 2015 zu FalleN, Fernando 'fer' Alvarenga und coldzera hinzu. Brasiliens künftiges Superteam war geformt.

Brasiliens Superteam dominiert die Szene



Das Quintett legte direkt einen Formsprung hin und erreichte in kommenden S-Tier Events mehrere zweite Plätze, darunter bei der FACEIT 2015 League Stage #3, der DreamHack Leipzig 2016 und den IEM Katowice 2016. Nur ein knappes halbes Jahr nach den Roster-Changes sollte schließlich der endgültige Durchbruch gelingen: Luminosity Gaming erreichte beim MLG Columbus 2016-Major erneut den Legends-Status im Turnier.

Mittlerweile zu den Favoriten zählend legten die Brasilianer einen dominanten Auftritt in der Gruppenphase hin und zogen als Erster in die Playoffs ein. Dort entging das südamerikanische Quintett gegen Virtus.pro nur knapp einem erneuten Aus im Viertelfinale. Luminosity Gaming drehte die Partie nach einem 0:1 noch zu einem 2:1-Sieg. Einem doppelten Overtime-Erfolg gegen Team Liquid im Halbfinale folgte schließlich der große Sieg im Finale gegen Natus Vincere. Der erste Major-Erfolg hievte FalleN mit seinen vier Mitstreiter auf den Olymp von Counter-Strike: Global Offensive und in Brasilien tanzten die Fans Samba.



Im Anschluss präsentierte das südamerikanische Team eine der dominantesten Phasen in der CS:GO-Geschichte. Aufgrund lang anhaltender Vertragsstreitigkeiten wechselte das Lineup nach dem Sieg bei der ESL Pro League Season #3 zu SK Gaming und verteidigte auf Anhieb seinen Major-Titel bei der ESL One Cologne 2016. Als Teil der deutschen Organisation räumte das Team gut ein Jahr Titel um Titel ab, darunter Esports Championship Series Season #3, ESL One Cologne 2017, EPICENTER 2017 und die ESL Pro League Season #6.

Die Dominanz des Super-Lineups war dabei nicht nur durch taktisches Teamplay und FalleNs Mastermind bestimmt. Der inidviduell herausragende Coldzera avancierte unter FalleNs Anleitung zum zwischenzeitlich besten Spieler der Szene und erreichte drei Mal die Top20 der HLTV-Weltrangliste, davon zwei Mal in Folge auf Platz eins in den Jahren 2016 und 2017. Bis heute wird coldzera als einer der besten und für einen gewissen Zeitraum dominantester Profi der CS:GO-Historie eingeordnet.



SK verschwand - Brasilien blieb



Die dominante Ära des brasilianischen Core-Lineups um FalleN ging jedoch schleichend zu Ende. Nach schwachen Ergebnissen im Jahr 2018 trennte sich SK Gaming schließlich von den Brasilianern und schloss seinen CS:GO-Bereich bis heute. Astralis sollte der nächste Platzhirsch in CS:GO werden. Zwar erweckte FalleN mit MIBR einen der traditionsreichsten Namen der brasilianischen E-Sport-Szene wieder zum Leben, doch konnte das Lineup nicht an alte Erfolge anknüpfen. Nach ständigen Roster-Wechseln zerbrach das Team in alle Einzelteile und kam bei verschiedenen Formationen unter.

Kurz davor begann jedoch bereits eine Zeit, in der andere brasilianische Teams überzeugten. So erreichten beim PGL Major Krakow 2017 die Immortals den zweiten Platz. Das Roster bestand größtenteils aus ehemaligen Schützlingen von FalleN. Im Jahr 2017 etablierte sich das Team als ernstzunehmender Konkurrent in der internationalen Spitze, bevor regelmäßige Lineup-Changes zum Ausstieg der Orga aus dem CS:GO-Bereich im Dezember 2017 führten.



Brasilien hatte sich nun aber nicht nur mit einem Team, sondern als Nation in der internationalen CS-Spitze etabliert. In den Folgejahren sorgten immer häufiger brasilianische Lineups auf Topevents für achtbare Leistungen. Beim PGL Major Stockholm 2021 war Brasilien schließlich mit 21 Spielern die am stärksten vertretene Nation. Zwar blieb ein weiterer großer Major-Erfolg seither aus, doch ist das südamerikanische Land nicht mehr aus der Szene wegzudenken.

Nicht nur dank der Erfolge von FalleNs Teams, sondern auch durch seine Leistungen in der Talentförderung und Strukturentwicklung in Brasilien ist das Land heute eine Macht in der FPS-Szene mit einer riesigen Fanbase. Die Spiele-Übertragungen von E-Sport-Turnieren durch Alexande 'Gaules' Borba erreichen Hunderttausende Brasilianer und stellen oft zogar Zahlen des offiziellen Broadcasts in den Schatten.

Ein aktuell erfolgreicher Vertreter ist FURIA Esports. Das durchweg brasilianische Lineup trat Mitte 2019 auf den Plan und ist seither steter Gast in der Top 10 der HLTV-Weltrangliste. Sowohl beim PGL Major in Stockholm als auch beim PGL Major in Antwerpen erreichten Kaike 'KSCERATO' Silva Cerato und Co. jeweils das Viertelfinale. Mit dem Gewinn der ESL Pro League Season #12 NA liegt der größte Erfolg des Teams jedoch bereits eine Weile zurück.

Brasilien und das Heim-Major



Im Jahr 2022 folgt nun der nächste Meilenstein für Brasilien. Erstmals wird mit dem IEM Rio Major 2022 das prestigeträchtigste CS:GO-Turnier vor heimischer Kulisse ausgetragen, nachdem das eigentlich 2020 angedachte ESL One Rio 2020 aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt wurde. Wenn auch nicht unrealistisch, so bleibt dennoch der kühne Traum der Fans vom Titel-Erfolg eines brasilianischen Teams.



Insgesamt drei brasilianische Teams gehen beim IEM Rio Major 2022 an den Start, namentlich FURIA Esports, 00Nation und Imperial Esports. Hinzu kommt Lucas 'nqz' Soares, der als Teil des südamerikanischen Mix-Teams von 9z Team teilnehmen wird. Wenngleich auf FURIA wohl die größten Hoffnungen ruhen, dürfte das Quintett maximal Außenseiter-Chancen auf den Major-Triumph haben.

Auch Brasiliens CS:GO-Godfather FalleN hat es einmal mehr geschafft. Der mittlerweile 31-Jährige AWP-Star schaffte an der Seite seiner alten Weggefährten fer, Ricardo 'boltz' de Souza Prass und Coach fnx in letzter Sekunde die Major-Qualifikation gegen Complexity Gaming. Entsprechend emotional fiel das Interview nach dem Herzschlagfinale im Overtime-Spiel auf Overpass aus.



Doch neben der Qualifikation der einzelnen Spieler werden FalleN und Co. nun noch einmal mit Marcelo 'coldzera' David und Epitácio Pessoa 'TACO' de Melo Filho geeint, die es mit 00 Nation ebenfalls zum Major schafften. Das einst legendäre und so dominante Lineup tritt in der alten Besetzung im Showmatch gegen ein weiteres Legenden-Lineup an, welches aus Patrik 'f0rest' Lindberg, Christopher 'GeT_RiGhT' Alesund, Adam 'friberg' Friberg, Olof Markus 'olofmeister' Kajbjer Gustafsson und Jesper 'JW' Wecksell besteht. Für viele brasilianische Fans und CS:GO-Nostalgiker wohl ein weiteres Highlight des IEM Rio Majors.



Brasilien dient als Paradebeispiel, dass mit Hilfe von Einsatz und Leidenschaft zum Spiel der Weg in die internationale Spitze möglich ist. Es ist eine Geschichte, die sowohl durch die Hingabe der Community als auch die besonderen Leistungen der Counter-Strike-Profis geschrieben wird. Als Vorbild dient Gabriel 'FalleN' Toledo, der im Jahre 2015 als einflussreichste Person im brasilianischen E-Sport geehrt wurde. Es ist eine Geschichte, die nicht ihr Ende gefunden hat.

Foto: ESL

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