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swani von G2 Esports: "Das Spiel macht kennyS nicht mehr viel Spaß"

Geposted von EddieCochran,
Jan 'swani' Müller arbeitet als Analyst bei G2 Esports. Im Interview mit 99Damage erzählt der Stuttgarter über seine Tätigkeit in der Profi-Organisation und wer für ihn der perfekte Spieler ist. Die Welt von Counter-Strike aus allen Perspektiven betrachten - das ist die Profession von Jan 'swani' Müller. Der 26-jährige Baden-Württemberger arbeitet als Analyst für G2 Esports und hat mit 99Damage ausführlich über seine Tätigkeit gesprochen. Bereits seit über fünf Jahren ist der Stuttgarter im Geschäft. Seine Karriere begann bei ALTERNATE aTTaX und führte ihn über Team Liquid, SK Gaming und weiteren Stationen bis hin zu G2 Esports.

Zahlreiche deutsche und internationale Stars der CS-Profiszene hat swani bereits unter die Lupe genommen und deren Gameplay bis ins letzte Detail studiert. Er selbst spielt gerne Counter-Strike, allerdings nicht auf Profi-Level. Wegen der spielerischen Lücke bekommt der Südwestdeutsche deshalb oft Sprüche zu hören: Warum sagt ausgerechnet er professionellen Spielern, wo es auf den CS:GO-Maps langgeht? Da bemüht der G2-Mitarbeiter den Vergleich zum Fußball: "Nicht jeder Top-Trainer war auch ein Top-Fußballer."



Jan Müller ist bekannt in der deutschen Szene. Wegen seines Jobs und weil er sein Hobby in der 99Damage Liga mit "Team FLIEGEN" pflegt oder das ein oder andere Mal mit Deutschlands größtem Counter-Strike-Streamer TrilluXe im Matchmaking unterwegs ist. Sein professioneller Weg begann im Jahr 2015 bei der deutschen Organisation ALTERNATE aTTaX. Ein großer Erfolg dieser Zeit war der Gewinn der eSports World Convention 2016. Im Team waren damals unter anderem Christian 'crisby' Schmitt, Florian 'syrsoN' Rische und Tizian 'tiziaN' Feldbusch. Im Rückblick nennt er crisby als entscheidenden Faktor für seinen Weg in die Profiszene.

Der damalige Kapitän von ALTERNATE aTTaX legte auf swanis Meinung Wert, weil er eine andere Perspektive auf das Team und das Spiel ermöglichte. "crisby hat mir Vertrauen geschenkt und mir bei meinem Einstieg als Analyst sehr geholfen." In der professionellen Counter-Strike-Szene waren diese Tätigkeit und der "besondere Blick" zu damaliger Zeit noch Neuland. Was heute selbstverständlich auf CS-Top-Niveau erscheint, nahm 2015 erst seine langsame Entwicklung.

Internationale Erfahrung bei Top-Teams



Bevor swani im August 2019 bei G2 Esports anheuerte, war er bereits bei internationalen Top-Teams als Analyst tätig. Dazu gehörten Team Liquid, SK Gaming, MIBR sowie NRG Esports und FURIA Esports. Große Namen und große Verantwortung kamen damit einher. "Bei Team Liquid hatte ich mich 2017 spontan beworben, weil die Stelle ausgeschrieben war", erzählt swani.

Den Amerikanern ist der Erfolg von aTTaX sicher nicht entgangen. Zumindest erhielt er den Zuschlag und war plötzlich mittendrin im internationalen Geschäft. Der Liquid-Coach Wilton 'zews' Prado brachte ihn dann in Verbindung mit der brasilianischen Szene, was ihn später zu SK Gaming, MIBR und FURIA führen sollte.



Die Arbeit des Deutschen erhält Anerkennung, denn bis heute kann Jan Müller seine Karriere als Analyst ununterbrochen fortsetzen. Der berufliche Erfolg erfüllt ihn mit Zufriedenheit: "Nicht jeder kann sein Hobby in Vollzeit als Job ausüben."

Doch bevor swani diesen Weg ohne Garantieschein einschlug, absolvierte er ein Studium. Das diente auch zur Beruhigung der Eltern, erzählt er mit einem Lachen. "Ohne ihre Unterstützung wäre das sicherlich um einiges schwieriger geworden", sagt er. Heute verpasst der Vater kein Spiel von G2 Esports.

Enge Zusammenarbeit mit Trainern



Als Analyst betrachtet swani für G2 alle Bereiche des Spiels Counter-Strike. Das reicht vom individuellen Movement, Aiming und situativen Verhalten bis hin zu taktischen und strategischen Aufgaben des gesamten Teams. Täglich trägt er sechs bis sieben Stunden dazu bei, dass ein Rädchen ins andere greifen kann. Dem Trainer und dem Ingame-Leader wird dadurch viel Arbeit abgenommen, gerade auch hinsichtlich der Anschaulichkeit. Dazu zählen erstellte Statistiken und Grafiken sowie Präsentationen und Videos.

"Ich arbeite stets gezielt und in Absprache mit Damien 'maLeK' Marcel. Dazu gehört auch, Spieler auf bestimmte Dinge ihres Spiels hinwzueisen. Da geht es vorrangig um Adjustments, das Rollenverständnis im Spiel und die Einstellung auf die Gegner."

Neben der Durchdringung der eigenen Stärken und Schwächen des Teams arbeitet swani diese Parameter auch von Gegnern heraus. Wie agieren Teams bei einem Default? Welches Tempo bevorzugt der Gegner? Können wir unsere eigenen Stärken entfalten oder spielen wir abwartend? Diese und weitere Fragen gehören zum Kerngeschäft des G2-Analysten.

Individuelle Gespräche mit den G2-Spielern sind ebenso ein Teil seines Tätigkeitsbereiches. "Das einfache Umschießen ist nicht mehr zeitgemäß, denn das beherrscht heutzutage jeder Top-Spieler", sagt swani. "Daher ist es umso wichtiger, dass sämtliche weitere Möglichkeiten des Spiels ausgeschöpft werden." Denn der Stuttgarter stellt klar: "Grundsätzlich gibt es keine Neuheiten in CS:GO, deshalb sind wir stets auf der Suche nach dem Faktor X."



Zum Start der neuen Saison steht viel Arbeit auf dem Plan, denn das sieglose Aus in der ESL Pro League Season #14 war für G2 Esports ein gehöriger Dämpfer. Auch der Auftritt bei den anschließenden BLAST Premier: Fall Groups 2021 verlief durchwachsen. Eine direkte Qualifikation für die BLAST Premier: Fall Finals 2021 gelang dem Team nicht, das nun den Umweg über den BLAST Premier: Fall Showdown 2021 gehen muss.

G2 um seinen Star Nikola 'NiKo' Kovač hatte sich zuvor durch gute Ergebnisse kontinuierlich an die Weltspitze gearbeitet und steht aktuell auf dem vierten Platz der Weltrangliste. Für Top-Teams der professionellen Counter-Strike-Szene sind Schwankungen kein Novum, denn kaum ein Team zieht monatelang einsam seine Kreise an der Spitze.

Abschied von kennyS



Im März dieses Jahres erlebte das CS:GO-Team von G2 mit dem Abschied des Aushängeschilds und der AWP-Legende Kenny 'kennyS' Schrub eine Zäsur. Fünf Monate zuvor hatte die Organisation bereits Top-Spieler NiKo, der unbedingt mit seinem Cousin Nemanja 'huNter' Kovač zusammenspielen wollte, vom FaZe Clan loseisen können. Im Anschluss folgte eine mehrmonatige Findungsphase des Lineups.

Der Deutsche weiß um den großen Ruf des französischen Scharfschützen und Major-Siegers kennyS, mit dem er für CS-Verhältnisse eine lange Zeit zusammengearbeitet hat und mit dem ihn mittlerweile eine Freundschaft verbindet. Im vergangenen Jahr noch stand G2 Esports auf dem ersten Platz der Weltrangliste - auch dank kennyS.



Die Zusammenarbeit zwischen swani und kennyS belief sich täglich auf zwei Stunden. Irgendwann kristallisierte sich heraus, dass der Franzose nicht mehr das Feuer in sich verspürte, das für die absolute CS-Weltspitze notwendig ist. "Das Spiel macht kennyS nicht mehr viel Spaß. Möglich ist, dass er in Zukunft zu VALORANT wechseln wird", sagt swani.

Der G2-Analyst nennt die Auswirkungen der Pandemie als einen Grund: "Was kennyS immer gehypt hat, war der direkte Kontakt zum Publikum. Das fehlte nun seit geraumer Zeit." Die Leistungen von kennyS waren irgendwann nicht mehr überzeugend genug, und so setzte die europäische Organisation schließlich den namhaften CS-Profi auf die Bank, der mit 26 Jahren eigentlich noch voll im Saft steht. "Die Luft an der Spitze ist dünn", weiß swani. "Wer nicht kontinuierlich abliefert, muss um seine Position bangen."

Wandlung des Anspruchs an Profis



Im Laufe seiner Tätigkeit hat sich zudem das Anspruchsprofil an die Profis deutlich gewandelt. Wirft Jan Müller einen Blick zurück, konnte früher die individuelle Stärke viel wettmachen. Gerade im Hinblick auf seine Nordamerika-Zeit führt der 26-Jährige das ins Feld: "SK Gaming war damals das Nonplusultra. Der Plan A war, dass um die AWP herumgespielt wurde. Hat das aber nicht funktioniert, gab es keinen Plan B."

Flexibilität ist daher das Stichwort, das swani aus dieser Zeit mitgenommen hat. Auch G2 Esports hatte sein Spiel in der Vergangenheit um kennyS aufgebaut. Hatte der Franzose aber einen schlechten Tag, wurde umgestellt und variiert. "Das Problem einer einseitigen Spielphilosophie ist die Berechenbarkeit, denn jeder Gegner studiert dich vorher", erklärt der Analyst. "Damit tut man vor allem dem Star des Teams keinen Gefallen, weil er permanent im Fokus steht."

Für kennyS bedeutete sein ihm vorauseilender Ruf trotzdem eine stete Dauerbelastung. Jeder erwartete von ihm Wunderdinge, die durchaus zu seinem Repertoire gehörten. "Für Kenny war das ein steter Balance-Akt, weil er ein sensibler Charakter ist." Saßen die AWP-Schüsse nicht, sprang das Team in die Bresche. So verwirklichte G2 auch im Jahr 2020 zwischenzeitlich den Sprung an die Weltspitze.

AmaNEk, der Alleskönner



Teamchemie und -gefüge seien essenziell wichtig, betont swani. Als Beispiel nennt er François 'AmaNEk' Delaunay, der bei G2 ein "Alleskönner" sei. "Viele hatten erwartet, dass AmaNEk während des personellen Umbaus weichen muss. Ich halte AmaNEk für den perfekten CS-Profi, weil er ein großartiger Teamspieler ist."

Der 28-jährige Franzose schaue weder auf Statistiken noch scheue er irgendwelche Aufgaben im Team. "Ob er mit dem Scharfschützengewehr abräumt, mit der Mac10 Infos einholt oder NiKo und huNter Räume öffnet: AmaNEk ist der perfekte Systemspieler", sagt swani.



Das System Counter-Strike ist stets in Bewegung und wird vom G2-Analysten aufmerksam beobachtet. Beeindruckt hat swani in den vergangenen Monaten das Spiel von Gambit Esports. Dabei gerät er regelrecht ins Schwärmen. "Ein Schlüssel des Erfolgs von Gambit sind die Ankerspieler auf der CT-Seite. Das Team hat unglaubliche Automatismen entwickelt und vertraut sich daher zu einhundert Prozent. Das ist wichtig für das Selbstbewusstsein der Spieler, die darüber hinaus eine große individuelle Stärke besitzen."

Die "Confidence" von Gambit sorge dann für ein ruhiges Spiel. "Wenn das Vertrauen in die Mitspieler besteht, kann sich jeder auf seine ihm zugedachte Rolle konzentrieren. So schließen sich beispielsweise unnötiges Rotieren oder plötzliche Unordnung aus", sagt swani. Der G2-Analyst führt noch aus, dass sich Gambit an die "Protokolle" halte, was einfache Frags gegen dieses Team fast unmöglich mache. "Jeder im Team von Gambit weiß genau, was er zu tun hat. Der eine wirft die Flash präzise, der andere hat den optimalen Fokus auf das Crosshair und nimmt den Gegner problemlos aus dem Spiel."

Was Teams wie Gambit außerordentlich gut machen, ist natürlich von höchstem Interesse für die Gegner. Einerseits geht es darum, den Russen die Stirn bieten zu können. Auf der anderen Seite können die Stärken von Gambit für das eigene Spiel adaptiert werden. "Alle haben Gambit studiert, denn sie vereinen in ihrem Spiel eine Idee plus immense Firepower", sagt der 26-jährige Schwabe.

NiKo brennt auf Titel



Beispiele aus der CS:GO-Geschichte für großartiges Counter-Strike gebe es neben Gambit reichlich, weiß Jan Müller. Regelrecht als Klassiker gelten heute die T-Seiten der vergangenen Jahre von Astralis, die jedes Team als Anschauungsmaterial verinnerlicht habe.

Aktuell beeindrucken swani außerdem die Auftritte von Heroic oder der seiner Meinung nach weltbeste Spieler Aleksandr 's1mple' Kostyliev mit dem frischgebackenen ESL-Pro-League- und Grand-Slam-Gewinner Natus Vincere. G2 Esports gehört mit in diese Sphäre der Weltelite. Es gibt also wenig Grund zum Klagen für den Analysten, trotz des durchwachsenen Saisonbeginns.



Was derzeit noch fehlt, sind die großen Titel, die bereits in diversen Finalteilnahmen möglich gewesen wären. "Das Lineup will Trophäen, und NiKo brennt auf Titel. Aktuell fehlen uns fünf bis zehn Prozent dahin", sagt der G2-Analyst. "Solange wir die kleinen Fehler nicht abstellen, wird uns dieses Quäntchen fehlen. Die Organisation lässt uns aber in Ruhe an diesem Ziel arbeiten."

Aktuell zeigt die Formkurve wieder in die richtige Richtung, der Auftakt bei den IEM Fall 2021 Europe ist Mitte dieser Woche mit zwei Siegen gelungen. Am Freitag setzte es dann eine Niederlage gegen die Copenhagen Flames. Das Turnier ist nicht unwichtig für das internationale Lineup, denn ein erfolgreicher Auftritt ebnet den Weg zum PGL Major Stockholm 2021.

Jan Müller ist stets bedacht darauf, an den richtigen Schrauben drehen, um mit dem Team die gewünschten Ziele zu erreichen. Der Stuttgarter sieht seine Zukunft weiter im professionellen Counter-Strike. Analysten sind aktuell mehr gefragt denn je – keine Frage.

Fotos: G2 Esports

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